Ring aus Stahl

Straße von Gibraltar gilt nach Einsatz der Deutschen Marine als sicher

9.12.2003

VON STEFAN GEROLD

Cadiz. „Kurs zwo-sieben-null liegt an“, meldet der Rudergänger des deutschen Schnellbootes „S 63 Geier“ seinem 1. Wachoffizier. An Steuerbord der trutzige Felsen von Gibraltar, an Backbord unter einem Dunstschleier die Küste Afrikas, nimmt der Konvoi langsam Fahrt auf. Drei Schiffe der Deutschen Marine und die spanische Fregatte „Reina Sofia“ legen einen Ring aus Stahl um das unbewaffnete US-Versorgungsschiff „Spica“.

Für die Besatzungen der Bewacher ist Kriegsmarsch-Station befohlen. Im Visier haben die mit schweren Schutzwesten, Flammschutzhauben und Stahlhelmen gesicherten deutschen Soldaten kleine Yachten und Speedboote, die sich von der marokkanischen Seite der viel befahrenen Schifffahrtsroute nähern.

Seit dem 1. Oktober geben die Schnellboote „S 63 Geier“, „S67 Kondor“ und „S70 Kormoran“ aus Warnemünde als so genannte Task Group 500.02 Geleit in der Straße von Gibraltar. Auf Anforderung der NATO laufen sie von ihrem Stützpunkt Puntales im spanischen Cadiz in ihr etwa 50 Seemeilen entferntes Einsatzgebiet aus. Nach etwa zwei Stunden Fahrt gehen die Boote der Albatros-Klasse auf Rendezvous-Kurs mit Schiffen, die bei der NATO um Geleitschutz gebeten haben. Dabei handelt es sich zumeist um britische und US-Handelsschiffe, die militärische Güter geladen haben. Aber auch deutsche Schiffe vertrauen sich der Marine an. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die nur acht Seemeilen (etwa 14 km) breite Meerenge zwischen Europa und Afrika sicher passieren wollen.

Dicht über den Mastspitzen des Verbandes dröhnt der spanische Seefernaufklärer vom Typ P3-Orion hinweg. Er übermittelt den Bewachern per Link das Lagebild im Einsatzgebiet. „Es bewegt sich dort nichts, ohne dass es von uns beobachtet wird“, erklärt Korvettenkapitän Sabzog, Pressesprecher des Deutschen Verbandes. Knapp 300 Schiffe plus 40 bis 50 Fischerboote passieren täglich die Straße von Gibraltar. Es geht zu wie auf einem Hauptbahnhof.

Der Bündnisfall ist eingetreten

Gedeckt ist der Einsatz der Deutschen Marine durch die Entscheidung zur Anwendung von Artikel fünf des NATO-Vertrages nach den Anschlägen am 11. September 2001, wonach ein Bündnisfall eingetreten ist. Auch Deutschland kommt seinen Pflichten als Mitglied der Allianz nach und sichert als Exportnation Nummer eins seine Seewege im Kampf gegen den internationalen Terrorismus.

Als Szenario wird angenommen, dass sich ein mit Sprengstoff vollgepacktes Speedboot oder Sportflugzeug auf ein Handelsschiff stürzt. In der Meerenge von Gibraltar bräuchte solch ein hochmotorisiertes Schlauchboot gerade einmal eine Viertelstunde von einer Seite zur anderen. Noch kürzer wäre die Reaktionszeit, wenn sich Terroristen als Fischer tarnen würden.

„Wir gehen nicht nur 100, sondern sogar 150 Prozent auf Nummer sicher“, weist Sabzog auf die bei hoher See spektakuläre Einschiffung von 19 Navy-Seals-Soldaten per Schlauchboot auf die „Spica“ hin. Die US-Kampfschwimmer sollen eine eventuelle Kaperung des 170-Meter- Versorgers verhindern. Und dass er seine Aufgabe sehr ernst nimmt, daran lässt Sergeant Shawn Hughes keinen Zweifel: „Ich will töten, das ist mein Job.“

16,5 Stunden Einsatz

Dass der 24-jährige Elitesoldat seinem martialischen Handwerk nachgehen muss, dem sind die deutschen Schiffe vor. Nähert sich ein Boot bedrohlich, wird es zunächst per Funk und visuell gewarnt. Ignoriert es die Warnungen, gäbe es einen Schuss vor den Bug. „Bisher hat es gereicht, wenn sich unsere Soldaten in Splitterschutzweste am schweren MG gezeigt haben“, so Sabzog. Die Straße von Gibraltar gilt dadurch vorerst als sicher. Genau dies scheint die Strategen im NATO-Hauptquartier in Brüssel überzeugt zu haben, den Einsatz der knapp 200 deutschen Soldaten vorzeitig vor Plan März 2004 zu beenden. Von wöchentlich geschätzten 1.800 Schiffen, die die Meerenge zwischen Atlantik und Mittelmeer passieren, nehmen im Schnitt nur zwei bis drei den Geleit-Service der NATO in Anspruch. Als Nebeneffekt sind die nach dem 11. September eminent angestiegenen Schiffsversicherungen für die Passage bei Gibraltar durch den Einsatz der alliierten Kriegsschiffe beträchtlich gesunken.

„Hier spricht der Kapitän. Der Konvoi ist beendet, Besatzung auf Übungsmarsch-Station“, befiehlt Kapitänleutnant Jörn Rühmann. „S 63 Geier“ dreht bei und entlässt die „Spica“ unter den schützenden Regenvorhang in die Weiten des Atlantiks. Nach 16,5 Stunden Einsatz laufen die Schnellboote wieder in Cadiz ein. Morgen hat niemand um Geleit gebeten und außerdem ist schlechtes Wetter angesagt, da bleibt der deutsche Verband im Hafen. Bis zu vier Meter hohe Wellen können die Boote wegstecken. „Mehr macht auch keinen Sinn, denn dann sinkt die Gefahr von Anschlägen“, sagt Kommandeur Thomas Daum. Bei Sturm ist halt auch für Terroristen Feierabend.

Dieser Artikel wurde am 9.12.2003 in der Tageszeitung Neue Westfälische veröffentlicht.