Wilhelm Müller: Mein schönstes Erlebnis mit S 63 Geier

Auf diesen Beitrag haben viele Kameraden gewartet, denn Wilhelm Müller ist sicher einer der beliebtesten Kommandanten auf dem Geier gewesen. Zusammen mit seiner lieben Frau Brigitte ist er regelmäßiger Gast der Geier-Treffen auf Borkum. Hier sein spannender Bericht über das Nato-Manöver Bold Game 1985.

Sommer 1985 – mein 5. und letztes Jahr als Kommandant von S 63 Geier

Von Wilhelm Müller

Viele Stunden Einzelausbildung nach dem letzten Stellenwechsel, Schießausbildung und taktische Übungen im Geschwader-Verband liegen hinter uns und wir sind fit und freuen uns darauf, an dem diesjährigen NATO-Manöver Bold Game teilnehmen zu können.

Diejenigen Kameraden, die schon länger auf dem Geier gefahren sind, schwärmen schon von den Wochenenden, an welchen wir wieder zusammen mit den Schnellbooten unserer dänischen und norwegischen Manöver-Partner in den schönsten Häfen unseres Übungsgebietes festmachen werden.

Das Manöver Bold Game verläuft dieses Jahr wieder einmal super: Wir haben herrliches Sommerwetter, die norwegische Südostküste mit ihren geheimnisvollen, zerklüfteten “Inner Leads“ ist atemberaubend schön.
Die “Inner Leads“ sind „Wasserstraßen“ die parallel zu der eigentlichen Küstenlinie Südnorwegens verlaufen und sich hervorragend dazu eignen, unsichtbar von See her einem von Süden kommenden und das Skagerrak passierenden Gegner aufzulauern.

Der Geier wird versteckt

Kommandant Wilhelm Müller

Setzt der Gegner jedoch Luftaufklärung ein, so ist Camouflage angesagt, wie die norwegischen Schnellboote uns das vormachen: Wir gehen ganz dicht mit dem Boot an einen gut bewaldeten Felsen heran, der steil in die Tiefe abfällt und verstecken den Geier unter extra dafür vorgesehenen Tarnnetzen. Bei diesem Allemannsmanöver zeigen einige Seeleute ungeahnte und mutige Kletterkünste – es beweist sich, dass es gut ist, an Bord nicht nur „Fischköppe“ zu haben sondern auch Männer, die in ihrer Heimat schon so manchen Berg und Gipfel erklommen haben.

Der norwegische Fregattenkapitän, der als Manöver-Schiedsrichter bei uns eingeschifft war, ist hellauf begeistert. So steuert er zu unserer Belohnung nach der Camouflage-Übung mit S 63 Geier und S 70 Kormoran im Kielwasser den landschaftlich und navigatorisch reizvollen (nur 70 m breiten) Lyngörsund an.

Ein paar Tage später, die Boote unseres Geschwaders liegen am Tender irgendwo an der norwegischen Südküste und die Besatzungen verpusten sich und freuen sich auf ein schönes Feierabendbierchen. Nicht so die Männer von S 63 Geier, denn die hat “Kuba“ (FKpt Rüdiger Kubalek), unser Geschwaderkommandeur, mit einem Sonderauftrag quer durch das Skagerrak nach Süden vor die dänische Küste beordert. Dort soll ein Oberstleutnant der Luftwaffe (aus dem Bundes-Verteidigungsministerium in Bonn) von einem Hubschrauber übernommen und als Manöverbegutachter zum Geschwader gebracht werden. „Na toll !!!“, die Begeisterung der Besatzung des Geiers und ihres Kommandanten hält sich in Grenzen. „Warum schon wieder wir?“ Antwort (die schon länger auf dem Geier Gefahrenen wissen das schon): „Weil unser Alter im Geschwader der ‚Ä.K.‘ (der älteste Kommandant und Führerboot der 3. Division) ist und man ihm und seinem Boot einige Erfahrun“ für Sondereinsätze ohne Überwachung und eventuelle Unterstützung durch seine Vorgesetzten (Geschwaderkommandeur oder S3) zutrauen kann.“

Wir legen ab von Tender Donau und sind in kurzer Zeit mit unserem Auftrag versöhnt: Ein unvorstellbar schöner, voller Sonnenuntergang bei blankem Himmel und tiefblauem Wasser und null Wind und Wogen (wie ich ihn in meiner gesamten Zeit als Seemann nicht erlebt habe) lässt vor Staunen und Genießen so manchen Mann an Oberdeck oder im Steuerstand verstummen.

Nachträgliche Betrachtung: Was war während dieses unvergesslichen Erlebnisses eigentlich mit unseren Heizern? Haben die überhaupt etwas von diesem außergewöhnlichen Naturschauspiel mitbekommen? Immerhin waren sie es ja, die – wie immer – mit den geforderten 30+ Knoten diese unvergessliche Hecksee unseres Bootes erzeugten. Danke an dieser Stelle an unseren großartigen STO KptLt. Alfred Rinker und seine Mannen!

Fischex

Bei den eben geschilderten großartigen Seemarschverhältnissen sind wir natürlich rechtzeitig am befohlenen Treffpunkt mit dem „Helo“ irgendwo nördlich von Skagen und dümpeln für einige Minuten vor uns hin. Aber dann beginnt das unvergessliche Abenteuer dieses Abends, beziehungsweise dieser Nacht:

Ausguck: Fahrzeug an Steuerbord, könnte Fischer sein!
Kommandant: Fischer? Ich glaub‘ ich fass‘ es nicht: Fischex!

SOP, Oberbootsmann Michael Balke und seine Jungs haben in wenigen Minuten das Schlauchboot mit Körben, zwei großen Müllsäcken und natürlich zwei oder drei Stangen Zigaretten und ein paar preisgünstigen Buddeln Hansen Rum aus der Zoll-Last beladen und sind bereit zum Ablegen.

Wir steuern ganz langsam an den Fischer heran, denn der fährt immer noch im Trawl, das heißt er hat immer noch nicht sein Schleppnetz eingeholt und signalisiert uns „Haltet Abstand, ich bin noch nicht bereit für einen Gütertausch“. Der Däne hat längst die von uns angebotenen Tauschobjekte beim traditionellen Fischex deutscher Marineeinheiten mit dänischen Fischern erkannt und ist auch schon ganz „jipperich“ auf Smoke und Köhm.

Sobald er also sein Netz eingezogen und seine Fahrt verringert hat, geht unser Schlauchboot zu Wasser und ist nach kurzer Zeit längsseits am Kutter. Gebannt versuchen wir auf der Brücke mit allen Gläsern das Treiben auf dem Kutter zu entziffern. Da, plötzlich ein Signal: Der SOP winkt heftig mit beiden Armen. Wir hofften, dass das ein positives Signal ist. Das Schlauchboot kommt zurück mit zwei großen Müllsäcken, gefüllt mit Kaisergranat (französisch: Langoustines) und einem großen Korb mit Seezungen!

Der Fischer bleibt weiterhin gestoppt liegen und wartet offensichtlich auf die Rückkehr unseres Schlauchbootes. Mit noch ner Stange Zigaretten und Hansen Rum setzt die tapfere Schlauchboot-Crew erneut zu dem Kutter über für „Mehr Kaisergranat für den Kommandanten“, denn dieser hatte 1973/74 als Kommandant des 3. Bootes der neuen Schnellboote-Klasse 148 (Tiger-Klasse) eineinviertel Jahre als Einzelboot in Frankreich die Schießerprobungen für den neuen Schiff/Schiff-Flugkörper MM38 (Excocet) in der Biscaya durchgeführt und war dann nicht nur frankophil sondern auch als Gourmet nach Deutschland zurückgekehrt – fragt den Smut, unseren Bernd!

Zurück zum Fischex: Das Schlauchboot ist noch drüben bei dem dänischen Kutter, da gibt es Alarm: Der Helicopter mit dem Oberstleutnant aus Bonn an Bord versucht vergeblich, mit S 63 Geier Kontakt aufzunehmen. Unser Signäler – und “Englischspezialist 🙂 – Maat Walter Iking ist der Verzweiflung nah. Schließlich gelingt es uns und dem Seaking einander zu treffen und den Oberstleutnant in einem sauberen, fast mitternächtlichen Winchex heile an Bord zu nehmen. Es ist ja inzwischen stockduster geworden.

Der Fliegeroffizier akzeptiert nicht nur meine Entschuldigung für die Verspätung der Gastübernahme, sondern zeigt sich auch amüsiert und erfreut, als er den Grund dafür zu sehen bekommt: die Seezungen und den Kaisergranat. Noch erfreuter ist er, als er völlig unerwartet zu einem mitternächtlichen 5-Sterne-Schmaus an Oberdeck eingeladen wird, den unser Super-Smut Bernd wie aus der Tasche für die gesamte Besatzung herbei gezaubert hatte (Anmerkung: So einen Mittelwächter habe ich in meiner gesamten Marinezeit nicht noch einmal wieder erleben dürfen!).

Übrigens hat der Oberstleutnant damals, nach Rücksprache mit mir, für die gesamte Besatzung ein Bierchen zum Essen ausgegeben. Chapeau! Ich hatte ihm schon gesagt, dass es auf Einwachenschiffen oder -Booten der Marine während der Seefahrt keine Alkoholerlaubnis gibt, ich aber in diesem besonderen Fall eine Ausnahme zulassen würde. Ich möchte zu gerne wissen, was dieser freundliche „Air-Jokey“ zurück im Ministerium in Bonn über die Männer der 3. Teilstreitkraft (Marine) zu erzählen wusste.

Alle Hebel auf die Back

Das Bold Game geht langsam dem Ende entgegen und der Geier wird noch ein oder zwei Mal mit besonderen Aufgaben gefordert (Ä.K. – wir erinnern uns), aber dann geht es zurück nach Hause. Der Geier ist das letzte Boot in der Kiellinie des Geschwaders und bekommt kurz hinter der Insel Fehmarn das „GO“ vom Führerboot, die Formation zu verlassen und mit höchster Fahrt den langsamer fahrenden Verband im sogenannten Steampass zu passieren, damit der Kommandant von S 63 Geier als Erster in Olpenitz anlegen und nach seiner letzten Fahrt im Geschwaderverband sein traditionelles Einlaubier für die Geschwaderführung und seine Kommandantenkameraden vorbereiten kann.

„Alle Hebel auf die Back! Allez, Allez!“, brüllt es aus dem Steuerstand und der Geier tobt los. Bei jedem Passieren eines Bootes feuert es Dutzende von Signalraketen in Richtung unseres Bootes, dessen Kommandant (so lautete dieser Brauch) hiermit „abgeschossen“ wird. Unser Winki oder Blinki (so hießen die Signäler noch, als ich 1965 zum ersten Mal Salzwasser auf einem Schnellboot ins Gesicht kriegte), oder Signalmaat Walter Iking mit seinen ballerfreudigen Assistenten auf der Brücke ist schweißgebadet, ein entsprechendes Gegenfeuer zu leisten. Über meine Befindlichkeit während der Dauer dieses traditionellen Schnellbootfahrer-Ritus‘ möchte ich mich hier nicht äußern.

Das Geschwader hat festgemacht, Kommandeur, S3 und alle Kommandanten des Geschwaders sind auf dem B-Deck zum Einlaufbier versammelt. Einlaufbier? Negat! Es gibt Sekt und Kaisergranat von dem Fischex im Skagerrak, von meinem Lieblings-Smut Bernd wieder einmal meisterhaft vorbereitet und serviert! Dass er mir (ich gebe zu: befehlsgemäß) eine besondere Portion von dem legendären “Fischex-Kaisergranat“ für meine liebe Frau Brigitte und unsere besten Freunde daheim reserviert hat, möchte ich hier nicht unerwähnt lassen…

F-H-G

Wilhelm Müller
FKpt a.D
Kommandant S63 Geier vom 01.10.1980 bis 30.09.85
Gefahrene Seemeilen mit dem Geier: 52.694,4

Kommandant Wilhelm Müller

Bild 1 von 13

Torpedoschießen 1971 vor Borkum. Mittendrin: Wilhelm Müller.

Komm an Bord!

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